In Istanbul gibt es für alles eine Abkürzung. Stau im Verkehr? Einfach kurz auf die Standspur ausweichen. Steuern zu hoch? Mit ein paar kleinen „Tricks“ minimieren. Werbung nötig? Ach was, wozu mit einer Agentur herumschlagen, für Plakatflächen zahlen oder in Google Ads investieren? Man nimmt einfach ein Eisenrohr, schreibt darauf „Autowäsche 300 m weiter“, rammt es in den Gehweg – fertig. Das ist die Kurzfassung des Istanbuler Unternehmertums.
Dieses Foto ist eigentlich die kleine Zusammenfassung einer großen Mentalität. Fußgänger auf dem Gehweg? Sollen doch selbst sehen, wie sie durchkommen. Ästhetik? Was soll das sein? Genehmigung von der Gemeinde? Ach, wer hat schon Zeit dafür. „Werbestrategie“ bedeutet hier: ein PVC-Schild, auf einen Metallstab genagelt. Zeigt es die Richtung? Ja. Kann man es lesen? Ja. Was will man mehr!
Die Tafel-Ökonomie
Es gibt in Istanbul so etwas wie eine „Tafel-Ökonomie“. An jeder Ecke, an jedem Mast, manchmal sogar in den Ästen der Bäume hängen Schilder. Die meisten nicht professionell, eher improvisiert. Genau so wie dieses Autowäsche-Schild. Die Buchstaben und die Zahlen sind rot, die Lesbarkeit ist okay. Aber es geht ja ohnehin nicht um Design, sondern um die Kosten. Anstatt 500–600 Lira an eine Agentur zu zahlen, lässt man es für 50 Lira in der Druckerei machen und rammt es selbst ein. Hier zeigt sich der wahre Unternehmergeist.

Dieses in den Gehweg gerammte Schild ist eigentlich ein kleines Manifest: „Ich bin hier, der Kunde soll mich finden.“ Diese Denkweise ist wie ein Witz für all die Leute, die PowerPoint-Präsentationen über „Customer Experience“ machen oder „Marketing Funnels“ mit CRM-Schaubildern erklären. Denn in den Straßen Istanbuls gibt es nur einen Trichter, der zählt: die hungrigen Abgase der Autos.
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